Anliegen
Depression, Angst und der Alltag
Wenn es dir gerade akut schlecht geht: Hilfe in einer Krise
Du begleitest jemanden mit Depression? Zum Abschnitt für Angehörige
Vielleicht ist es bei dir gerade so: Du stellst morgens den Wecker immer wieder aus, Anrufe schiebst du vor dir her, für den Einkauf suchst du eine Uhrzeit, zu der wenig los ist - und das schlechte Gewissen meldet sich. In der Ergotherapie können wir eine dieser Situationen genauer anschauen und ausprobieren, was den nächsten Anruf, den Einkauf oder den Start in den Tag erleichtern könnte.
Es gibt auch die andere Variante: Von außen läuft alles weiter. Die Termine stehen, die Arbeit wird erledigt, niemand fragt nach. Nur ist da nichts mehr, was sich nach etwas anfühlt, und abends fehlt jede Erinnerung an den Tag. Auch das gehört hierher.

Echtes Vertrauen kann sich entwickeln.
Wenn es gerade nicht mehr geht
Diese Seite ist zum Lesen und Ausprobieren gedacht. Für eine akute Krise ist sie nicht gemacht - dafür gibt es Menschen, die rund um die Uhr erreichbar sind.
- Bei akuter Gefahr für dich oder jemand anderen: Notruf 112.
- Abends, nachts, am Wochenende, wenn es nicht bis morgen wartet: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117.
- Wenn du einfach mit jemandem sprechen willst: TelefonSeelsorge, rund um die Uhr, kostenfrei und anonym, auch per Chat und Mail - 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123.
- Hier in Kassel: Der Sozialpsychiatrische Dienst der Stadt hat einen Kriseninterventionsdienst, der auch nach Hause kommt - 0561 787-5390, Mo bis Do 8.30 bis 16 Uhr, Fr 8.30 bis 12.30 Uhr.
- Fragen zur Erkrankung selbst: Info-Telefon Depression, 0800 3344533, Mo, Di und Do 13 bis 17 Uhr, Mi und Fr 8.30 bis 12.30 Uhr. Das ist eine Informationsberatung und ausdrücklich keine Krisenberatung.
Und für uns selbst: Unser Kontaktformular und unsere E-Mails werden nicht rund um die Uhr gelesen. Auf eine Anfrage melden wir uns innerhalb einer Woche - für alles, was nicht so lange warten kann, sind die Nummern oben da.
Was ist eine Depression?
Eine Depression ist eine behandelbare Erkrankung, keine Charakterfrage und kein Versagen. Sie verändert Stimmung, Antrieb und Denken gleichzeitig - und genau deshalb ist sie so schwer allein zu durchbrechen.
Im Vordergrund stehen drei Beschwerden: eine gedrückte Stimmung, der Verlust von Interesse und Freude an Dingen, die vorher wichtig waren, und ein verminderter Antrieb. Dazu kommen häufig Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, veränderter Appetit, Grübeln, ein sehr strenger Blick auf sich selbst und Schuldgefühle. Damit von einer depressiven Episode gesprochen wird, halten diese Beschwerden mindestens zwei Wochen an.
Der Unterschied zu einer schweren Phase liegt weniger im Gefühl als in der Reichweite. Trauer lässt Lücken: Es gibt Stunden, in denen etwas geht. Eine Depression greift die Fähigkeit zu handeln selbst an. Es ist nicht so, dass du keine Lust auf den Einkauf hast - der Weg zum Kühlschrank ist so weit wie sonst der Weg zur Arbeit.
Häufig ist sie außerdem. In der bevölkerungsrepräsentativen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland erfüllten innerhalb eines Jahres 7,7 Prozent der Erwachsenen die Kriterien einer unipolaren Depression, 15,3 Prozent die einer Angststörung und 27,7 Prozent die irgendeiner psychischen Störung (Jacobi et al. 2014, DEGS1-MH). Anders gesagt: In einem vollen Bus sitzen mehrere Menschen, denen es gerade so geht wie dir.
Für die Behandlung zählt am Ende nicht nur, wie viele Symptome jemand hat, sondern was sie mit seinem Leben machen: mit Arbeit, Haushalt, Kontakten, Teilhabe. Die Leitlinie nennt das die funktionale Seite der Erkrankung. Sie ist der Teil, an dem Ergotherapie ansetzt.

Wie Ergotherapie dabei hilft
Der Zusammenhang ist keine Erfindung dieser Praxis. Die Nationale VersorgungsLeitlinie beschreibt Ergotherapie als handlungs- und ressourcenorientiertes Verfahren, das die Verhaltenstherapie ergänzend unterstützt - ausdrücklich „nach den methodischen Ansätzen der Verhaltensaktivierung (Behavioural Activation) und Zeitnutzung (Time-Use)“. Im stationären Bereich ist Ergotherapie die am häufigsten verordnete nicht-medikamentöse Behandlung bei Depression.
Als Ziele der psychisch-funktionellen Behandlung nennt dieselbe Leitlinie: Antrieb, Motivation, Belastbarkeit, Ausdauer, Flexibilität und Selbständigkeit in der Tagesstrukturierung verbessern oder erhalten, Eigenverantwortlichkeit und Selbstvertrauen stärken, Kompensationsstrategien lernen. Das ist ziemlich genau die Liste dessen, was eine Depression zuerst wegnimmt.
Gemeinsam arbeiten wir an dem, was dir wichtig ist:
- Tägliche Aktivitäten
Anziehen, Kochen, Einkaufen, Haushalt - Training und Unterstützung, um Unabhängigkeit zurückzugewinnen.
- Berufliche Rehabilitation
Im Beruf wieder Fuß fassen oder dich auf eine neue Tätigkeit vorbereiten.
- Soziale Fähigkeiten
Kommunikation und der Umgang mit anderen Menschen - in deinem Tempo.
- Stressbewältigung und Achtsamkeit
Entspannungstraining und Achtsamkeitsübungen für weniger Druck im Alltag.
- Freizeitgestaltung
Hobbys entdecken oder wiederaufnehmen, die dir Freude bereiten und dich mit anderen verbinden.
- Individuelle Therapiepläne
Jeder Mensch ist einzigartig - dein Behandlungsplan auch.

Wie das konkret aussieht
- Der Wocheneinkauf. Wir zerlegen ihn: Liste am Vorabend, ein Laden statt drei, eine Uhrzeit, zu der wenig los ist. Beim nächsten Mal fällt eine Erleichterung weg - so lange, bis es wieder ein normaler Einkauf ist.
- Der erste Arbeitstag nach der Krankschreibung. Wir gehen ihn vorher durch: Wann stehst du auf, was sagst du im Team, wo ist der Punkt, an dem es zu viel wird, und was machst du dann. Danach besprechen wir, was wirklich passiert ist.
- Der Anruf, der seit drei Wochen liegt. Erst aufschreiben, was gesagt werden soll. Dann proben. Dann wählen - wenn du willst, während der Therapiezeit, mit jemandem im Raum.

Der Ablauf dahinter ist immer derselbe: ärztliche Verordnung, Erstgespräch, gemeinsam vereinbarte Ziele, wöchentliche Termine, und in Abständen die Frage, ob das noch der richtige Weg ist. Schritt für Schritt beschrieben steht er auf der Seite Ablauf, Verordnung & Kosten; was hinter dem Begriff „psychisch-funktionell“ steckt, erklärt die Seite Psychisch-funktionelle Ergotherapie.
Bezahlt wird das über die Krankenkasse: Mit einer ärztlichen Heilmittelverordnung übernimmt die gesetzliche Kasse die Kosten der Ergotherapie bei Depression, es bleibt die gesetzliche Zuzahlung für Erwachsene. Ohne Verordnung geht es als Selbstzahler:in.
Dass wir Ziele mit dir vereinbaren statt für dich, ist übrigens auch untersucht - mit einem ehrlichen Ergebnis: Gemeinsames Entscheiden verbessert vor allem, wie zufrieden Menschen mit ihrer Behandlung sind (d = 0,53). Dass davon auch die Beschwerden besser werden, ließ sich nicht sicher zeigen, und die Auswertung stützt sich auf nur fünf Studien mit 850 Teilnehmenden (Samalin et al. 2023). Wir machen es trotzdem so - aber wir behaupten nicht, dass es die Symptome heilt.
Was die Forschung für deinen Alltag bedeutet
Der zentrale Weg in unserer Ergotherapie ist Verhaltensaktivierung: wieder handlungsfähig werden, den Tag strukturieren, konkrete Alltagsziele angehen - und das begleitet ausprobieren. Dieser Wirkweg ist gut untersucht; die britische Leitlinie NICE führt ihn als Behandlung der ersten Wahl. Das Gesamtpaket Ergotherapie ist als Ganzes weniger stark erforscht; deshalb empfiehlt die deutsche Leitlinie ambulante Ergotherapie zurückhaltender. Alle Studien, Zahlen und Grenzen findest du mit Quellen im wissenschaftlichen Hintergrund.
Zugleich weist dieselbe Leitliniengruppe darauf hin, dass die Möglichkeiten zum Training von Alltags- und sozialen Fertigkeiten im ambulanten Bereich zu wenig bekannt sind und zu selten oder zu spät genutzt werden. Genau dort setzen wir an: mit Zielen, die wir mit dir vereinbaren, und mit Übung im echten Alltag - zum Beispiel Einkaufen, der erste Arbeitstag oder ein Telefonat, das lange schwerfiel.
Passt das zu deinem Anliegen?
Gut aufgehoben bist du bei uns, wenn eine Depression oder Angst deinen Alltag blockiert und es darum geht, wieder ins Handeln zu kommen: Tagesstruktur, Arbeit, Kontakte, Belastbarkeit. Auch begleitend zu einer laufenden Psychotherapie oder psychiatrischen Behandlung.
Nicht die Richtigen sind wir, wenn du gerade in einer akuten Krise bist - dann zählen die Nummern oben. Ebenso, wenn eine schwere Episode bisher unbehandelt ist und noch keine ärztliche Anbindung besteht; dann ist der Weg zuerst über die Hausarztpraxis oder die Psychiatrie richtig, und wir kommen danach dazu. Und wenn es dir vor allem um die Aufarbeitung von Denk- und Erlebensmustern geht, ist das Psychotherapie und nicht Ergotherapie. Wir sagen dir das im ersten Gespräch offen und helfen beim Weitersuchen - eine Wartezeit gibt es bei uns wie überall, sie steht mit allem Drum und Dran auf der Seite Ablauf, Verordnung & Kosten.
Was hilft bei einer Depression?
Was empfohlen wird, hängt vom Schweregrad ab. Die Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, an der sich Ärzt:innen und Therapeut:innen in Deutschland orientieren, staffelt es so:
- Leichte Episode: zuerst Angebote mit niedriger Intensität - angeleitete Selbsthilfe und Gespräche, die mit psychotherapeutischen Techniken arbeiten. Antidepressiva sollen hier nicht vor einer solchen Intervention zum Einsatz kommen.
- Mittelgradige Episode: Psychotherapie und medikamentöse Behandlung werden gleichwertig angeboten.
- Schwere Episode: beides zusammen - Psychotherapie und Medikamente in Kombination.
Nachzulesen ist das in der NVL Unipolare Depression, Version 3.2 (veröffentlicht 2022, gültig bis 2027); die vollständige Langfassung gibt es als PDF im AWMF-Register. Daneben gibt es zwei Dinge, die in jeder Stufe eine Rolle spielen - und bei denen du selbst etwas tun kannst.
Wieder tun, was Bedeutung hat
Der Fachbegriff heißt Verhaltensaktivierung. Dahinter steckt eine einfache Beobachtung: Wer sich zurückzieht und weniger tut, dem geht es schlechter - und wem es schlechter geht, der zieht sich weiter zurück. Verhaltensaktivierung unterbricht diese Schleife nicht über die Stimmung, sondern über das Tun. Man schaut sich an, welche Aktivitäten mit welcher Stimmung zusammenhängen, und plant gezielt kleine Schritte zurück in das, was Bedeutung hat.

Die britische Leitlinienbehörde NICE führt Verhaltensaktivierung sowohl bei leichteren als auch bei schwereren Depressionen in der Liste der Erstlinien-Behandlungen und beschreibt sie als besonders passend, wenn eine Depression zu sozialem Rückzug, Inaktivität oder einem Bruch in den Alltagsroutinen geführt hat (NICE NG222).
Zur Einordnung
Ein Befund aus demselben Cochrane-Review gehört dazu, auch wenn er unbequem ist: Mehr Menschen brachen die Verhaltensaktivierung ab als die übliche Behandlung. Aktivierung ist anstrengend. Genau deshalb ist Begleitung dabei kein nettes Extra, sondern die Bedingung, unter der so etwas durchzuhalten ist.
Sich bewegen
Die Leitlinie spricht hier eine starke Empfehlung aus: Menschen mit einer depressiven Störung und ohne Gegenanzeigen sollen zu sportlicher Aktivität motiviert werden, idealerweise in einer Gruppe, und bei der Umsetzung unterstützt werden. Bemerkenswert ist, dass die Leitliniengruppe die Aussagekraft der Studien selbst nur als niedrig bis moderat einschätzt und trotzdem stark empfiehlt - weil wenig schiefgehen kann und vieles dafür spricht.

Zur Einordnung
Was noch trägt
- Tagesstruktur: feste Zeiten für Aufstehen, Essen und Schlafen; tagsüber möglichst nicht hinlegen. Struktur ersetzt den Antrieb, der gerade fehlt.
- Kontakt: Rückzug ist das häufigste Symptom, das man von außen sieht. Ein Kontakt pro Tag - und sei es ein kurzer - ist oft realistischer als ein Treffen pro Woche.
- Selbsthilfe und Austausch: Die Leitlinie sagt, Betroffene und Angehörige sollen über Selbsthilfe- und Angehörigenangebote informiert werden. Sie nennt im selben Atemzug die Kehrseite: Gruppen können auch verunsichern, und die Evidenz dazu ist sehr schwach. Es lohnt sich auszuprobieren, es muss aber nicht passen.
Nichts davon ersetzt eine Behandlung. Es sind die Dinge, die neben ihr laufen - und die in einer Ergotherapie zum eigentlichen Arbeitsmaterial werden.
Persönlich
Warum ich Ergotherapeut geworden bin
Ich konnte jahrelang funktionieren, ohne viel zu spüren. Die Praxis wuchs, die Kalender waren voll, und wenn sie es nicht waren, habe ich sie gefüllt. Nach außen lief alles.
Was mir dabei nicht viel geholfen hat, war Wissen. Ich konnte kluge Antworten geben, über Trauma, Bindung, Dissoziation. Meine Antworten waren Schutzbauten. Über sich Bescheid zu wissen und sich selbst trotzdem nicht beizukommen - das geht erstaunlich gut.
Geholfen hat etwas anderes. In einer alten Schmiede in Berlin-Neukölln stand ich mit glühendem Eisen in der Hand, und zum ersten Mal habe ich meine Berufswahl körperlich verstanden: Therapie durch Handlung. Durch das, was Hände, Atem und Material mit einem machen, wenn der Kopf keine Antwort mehr weiß. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.
Deshalb bin ich Ergotherapeut geworden und nicht Psychotherapeut. Und deshalb fängt bei uns vieles beim Tun an und nicht beim Verstehen. Ich verspreche dir damit nichts: Manches heilt langsam, und manchmal reißt es wieder auf. Aber es gibt einen Unterschied zwischen aushalten und handeln, und der ist erlernbar.
Dennis Noll, Ergotherapeut, Inhaber und fachliche Leitung

Selbsteinschätzung: die neun Fragen des PHQ-9
Der PHQ-9 ist ein weltweit gebräuchlicher Fragebogen zur Einschätzung depressiver Beschwerden. Er dauert etwa zwei Minuten und liefert einen Anhaltspunkt - eine Diagnose stellt er nicht, und er kann eine Depression weder beweisen noch ausschließen. Wofür er gut ist: ein Gespräch in der Hausarztpraxis vorzubereiten.
Der Test rechnet ausschließlich in deinem Browser. Es wird nichts gesendet, nichts gespeichert und nichts ausgewertet - auch nicht von uns. Wenn du die Seite schließt, ist das Ergebnis weg.
Die neun Fragen stehen im Wortlaut des geprüften Fragebogens. Deshalb siezen sie dich, obwohl wir sonst auf dieser Seite du sagen - wir ändern an einem validierten Instrument nichts, auch nicht die Anrede.
| Punkte | Einordnung | Nächster Schritt |
|---|---|---|
| 0-4 | kein Hinweis auf eine Depression | Nichts weiter nötig. Wenn es dir trotzdem länger schlecht geht, sprich es hausärztlich an - ein Fragebogen sieht nicht alles. |
| 5-9 | Hinweise auf eine leichte Ausprägung | Ein hausärztliches Gespräch ist ein guter nächster Schritt. Bei leichten Episoden sollen laut Leitlinie zuerst Angebote mit niedriger Intensität kommen, etwa angeleitete Selbsthilfe. |
| 10-14 | mittelgradiger Bereich | Lass das ärztlich abklären. Psychotherapie und Medikamente gelten hier als gleichwertige Möglichkeiten; Ergotherapie kann begleitend am Alltag ansetzen. |
| 15-19 | mittelschwerer bis schwerer Bereich | Bitte kläre das zeitnah ärztlich ab. Bei schweren Episoden wird die Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten empfohlen. |
| 20-27 | schwerer Bereich | Bitte kläre das zeitnah ärztlich ab und warte nicht, ob es von allein besser wird. Wenn es nicht so lange wartet, nimm die Nummern unter „Hilfe in einer Krise“. |
Zwei Werkzeuge zum Ausdrucken
Beides steht hier vollständig auf der Seite: einmal ausdrucken, fertig. Kein Formular, keine E-Mail-Adresse, kein Konto.
Der Wochenplan
Drei Spalten, sieben Tage. Links das, was heute wirklich sein muss - meistens weniger, als man denkt. In der Mitte etwas, das guttut, und sei es zehn Minuten. Rechts das, was du dir realistisch zutraust. Zwei Regeln machen den Unterschied: erst planen, dann bewerten. Und lieber zu klein ansetzen als zu groß, weil ein erledigter kleiner Punkt mehr trägt als ein nicht erledigter großer.
| Tag | Muss heute sein | Tut mir gut | Schaffe ich realistisch |
|---|---|---|---|
| Montag | |||
| Dienstag | |||
| Mittwoch | |||
| Donnerstag | |||
| Freitag | |||
| Samstag | |||
| Sonntag |
Die Starterliste
Wenn Verhaltensaktivierung im Alltag ankommt, sieht sie unspektakulär aus. Die Punkte hier sind absichtlich winzig: Sie sollen auch an einem schlechten Tag machbar sein. Such dir einen aus, nicht drei.
Ohne aufzustehen
- Vorhang oder Rollladen aufmachen
- Fenster kippen
- ein Glas Wasser trinken
- eine Nachricht schreiben statt anzurufen
- Wecker für morgen stellen
Fünf Minuten
- Zähne putzen
- Wasser aufsetzen und einen Tee trinken
- eine Postkarte oder Rechnung aus dem Stapel ziehen
- ein Kleidungsstück wechseln
- Geschirr aus einem Raum in die Küche bringen
Vor die Tür
- bis zum Briefkasten
- einmal um den Block
- eine Haltestelle zu Fuß
- Brötchen holen
- zehn Minuten auf einer Bank sitzen
Unter Menschen
- im Laden einmal etwas fragen
- jemandem eine Sprachnachricht schicken
- ein Telefonat annehmen
- einen Termin ausmachen
- jemanden bitten, den Anruf mit dir zusammen zu machen
Etwas, das trägt
- fünf Minuten ein Instrument, ein Werkzeug oder Stift in die Hand nehmen
- eine Pflanze gießen
- ein Lied hören, das früher gut war
- ein Foto sortieren
- zehn Minuten an die frische Luft mit dem Hund
Beide Werkzeuge gibt es auch als PDF zum Ausdrucken: Wochenplan (PDF) und Starterliste (PDF).
Ein drittes Werkzeug bauen wir bewusst nicht selbst nach: den Krisenplan. Eine gute Vorlage gibt es bereits bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Für solche Sicherheitspläne fand eine Untersuchung in der Notfallversorgung ein Risikoverhältnis von 0,57 auf suizidales Verhalten (Stanley et al. 2018) - die Nationale VersorgungsLeitlinie stuft die Sicherheit dieser Evidenz allerdings als niedrig bis sehr niedrig ein, und ein Plan auf Papier ersetzt keine Akutversorgung.
Für Angehörige
Vielleicht liest du hier mit, weil du jemanden begleitest. Dann kennst du das vermutlich: Die Verabredung platzt zum dritten Mal, Sonntagmittag liegt sie oder er immer noch im Bett, und auf ein „Sag doch, was du brauchst“ kommt nichts zurück. Du willst helfen - und hast immer öfter das Gefühl, dass nichts davon ankommt.
Dieser Abschnitt ist für dich: das, was sich in Leitlinien und Untersuchungen als hilfreich abzeichnet - für den Menschen mit der Depression und für dich selbst.
Wenn es eine leichtere Ausprägung ist
- Frag, welche Art von Hilfe gerade gemeint ist: „Soll ich eher zuhören, mit dir sortieren oder bei einem konkreten Schritt helfen?“ Das erspart beiden Seiten die Ratschlagsschleife.
- Spiegeln, ohne kleinzureden: Dass selbst Kleinigkeiten schwerfallen, gehört zu depressiven Beschwerden. Es ist kein persönliches Versagen - und es hilft, das auszusprechen.
- Konkret werden statt offen bleiben: „Ich kann morgen um zehn mit dir dort anrufen“ ist etwas anderes als „Melde dich einfach, wenn du etwas brauchst“. Der zweite Satz klingt großzügig und verlangt genau die Energie, die gerade fehlt.
- Nachfragen, aber angekündigt: „Ich frage am Dienstag noch mal nach - ist das okay?“
Wenn es schwer ist
- Kurze Sätze. Eine Frage nach der anderen. Höchstens ein bis zwei Möglichkeiten anbieten, nicht fünf.
- Praktische Dinge mitorganisieren statt sie zu delegieren: gemeinsam anrufen, mitgehen, Termine aufschreiben.
- Wichtiges schriftlich festhalten - in einer schweren Episode bleibt wenig hängen.
- Mit Einverständnis eine zweite Vertrauensperson einbeziehen, damit die Last nicht auf einer Person liegt.
Über Suizidgedanken sprechen
Die verbreitetste Sorge ist, dass man jemanden erst auf die Idee bringt. Diese Sorge ist unbegründet: Eine systematische Übersichtsarbeit fand keinen Hinweis darauf, dass direkte Fragen nach Suizidgedanken solche Gedanken auslösen (Dazzi et al. 2014). Frag also lieber klar: ob jemand daran denkt, nicht mehr leben zu wollen, ob es einen Plan gibt, und was ihn im Moment noch hält.
Was dabei nicht hilft: Appelle an Schuld („Denk doch an deine Familie“), das Versprechen, nichts weiterzuerzählen, und ein abgerungenes „Ich tue mir nichts an“ als einzige Maßnahme. Wenn jemand in akuter Gefahr ist, bleib bei der Person oder halte den Kontakt und hol Hilfe dazu - die Nummern stehen oben.
Und du selbst
Angehörige werden reihum vergessen, sich selbst eingeschlossen. Es gibt eine Nummer, die genau dafür da ist: Das SeeleFon des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen berät unter 0228 71002424, Mo bis Do 10 bis 12 und 14 bis 20 Uhr, Fr 10 bis 12 und 14 bis 18 Uhr. Dort sprechen Angehörige mit Angehörigen. Wenn du willst, beziehen wir dich außerdem in die Behandlung ein - das geht, sobald die Person, um die es geht, einverstanden ist.
Für zuweisende Praxen
Ergotherapie bei Depression verordnen
Die Verordnung läuft über die Heilmittel-Richtlinie, Musterblatt 13, Diagnosegruppe PS3, als psychisch-funktionelle Behandlung. Seit 2021 dürfen auch Vertragspsychotherapeut:innen Ergotherapie verordnen.
Die Nationale VersorgungsLeitlinie empfiehlt, die Indikation für ambulante Ergotherapie insbesondere dann gemeinsam mit den Patient:innen zu prüfen, wenn es um Erhalt oder Verbesserung der psychosozialen Funktionsfähigkeit und der Teilhabe am Arbeits- und gesellschaftlichen Leben geht.
Wir arbeiten ressourcenorientiert, stimmen uns auf Wunsch mit Ihnen ab und geben Rückmeldung zum Therapieverlauf; Hausbesuche sind bei entsprechender Verordnung möglich. Fachliche Details zur Behandlungsart stehen auf der Seite Psychisch-funktionelle Ergotherapie. Verordnungen und Rückfragen gern telefonisch unter 0561 510041-0.
Und wenn Angst das Hauptthema ist?
Dann ist die Mechanik verwandt. Bei einer Depression ist es der Rückzug, bei Angst die Vermeidung: Was Angst macht, wird gemieden, die Erleichterung folgt sofort - und die Angst wächst beim nächsten Mal. Ergotherapie setzt an derselben Stelle an wie bei Depression, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: in kleinen, selbst gewählten Schritten wieder tun, was gemieden wird, und dabei aushalten lernen, dass es zunächst unangenehm ist.
Wir stehen Menschen in ambulanter psychiatrischer Behandlung stabilisierend zur Seite - in Abstimmung mit den behandelnden Ärzt:innen und Therapeut:innen. Was hinter der Behandlungsart steckt, wer sie verordnet und wie du zu ihr kommst, steht auf der Seite Psychisch-funktionelle Ergotherapie.
Häufige Fragen zu Depression, Angst und Ergotherapie
Ersetzt Ergotherapie eine Psychotherapie?
Nein. Ergotherapie ergänzt die ärztliche und psychotherapeutische Behandlung, sie ersetzt sie nicht. Die Psychotherapie arbeitet zum Beispiel an Denkmustern und ihren Ursachen, die Ergotherapie setzt beim konkreten Handeln im Alltag an - beides zusammen kann sich gut ergänzen.
Woran erkenne ich, ob ich eine Depression habe oder nur eine schwere Phase?
An der Dauer, an der Ausdehnung und daran, was noch geht. Eine schwere Phase hat meist einen Anlass, schwankt im Tagesverlauf und lässt Freude an einzelnen Dingen zu. Bei einer Depression halten gedrückte Stimmung, Interesselosigkeit und Antriebsminderung über mindestens zwei Wochen fast durchgehend an und ziehen sich durch alle Lebensbereiche. Sicher unterscheiden lässt sich das nicht allein, sondern im ärztlichen Gespräch - der Fragebogen weiter unten kann dir helfen, das Gespräch vorzubereiten.
Was kann ich selbst tun, wenn ich morgens nicht aus dem Bett komme?
Den ersten Schritt so klein machen, dass er auch an einem schlechten Tag geht: Vorhang auf, Fenster kippen, ein Glas Wasser. Nicht warten, bis die Motivation kommt - bei einer Depression kommt sie meist erst nach dem Tun, nicht davor. Wenn du magst, plane abends genau eine Sache für den nächsten Morgen und schreibe sie auf. Der Wochenplan auf dieser Seite ist dafür gemacht.
Wie lange dauert es, bis Ergotherapie bei einer Depression etwas bringt?
Das lässt sich nicht seriös vorhersagen, und wir versprechen es auch nicht. Eine Verordnung umfasst in der Regel mehrere Termine über einige Wochen, meist einmal pro Woche. Was sich in dieser Zeit verändert hat, schauen wir uns gemeinsam an und justieren nach - manchmal heißt das auch, das Ziel oder die Methode zu wechseln.
Wie unterstütze ich jemanden mit Depression, ohne mich selbst zu verlieren?
Indem du fragst, welche Art von Unterstützung gerade gewünscht ist, statt Lösungen anzubieten: zuhören, mitsortieren oder bei einem konkreten Schritt helfen. Und indem du konkret bleibst - "Ich kann morgen um zehn mit dir dort anrufen" hilft mehr als "Melde dich, wenn du etwas brauchst". Für dich selbst gilt dasselbe wie für alle: Auch Angehörige brauchen einen Ort für ihre eigene Erschöpfung. Das SeeleFon des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen ist dafür da.
Was mache ich, wenn ich mich zur Therapie gar nicht aufraffen kann?
Das gehört zur Erkrankung und ist kein Beweis dafür, dass du es nicht ernst meinst. Antriebsminderung ist ein Kernsymptom - genau deshalb ist der erste Kontakt so gebaut, dass er wenig kostet: eine E-Mail reicht, jemand darf für dich anrufen, und eine Begleitperson darf mitkommen. Wenn selbst das zu viel ist, ist das ein Grund, mit der Hausärztin oder dem Hausarzt darüber zu sprechen.
Was passiert in einem Entlastungsgespräch?
Entlastungsgespräche sind ein wichtiger Teil der therapeutischen Arbeit: Du kannst aussprechen, was dich belastet, wir hören aktiv zu und erarbeiten Lösungen gemeinsam statt über deinen Kopf hinweg. Grundlage ist Vertrauen - du bestimmst Tempo und Themen.
Mehr Antworten in den häufigen Fragen - und wenn Erschöpfung dein Hauptthema ist: Erschöpfung & Überforderung. Wie sich Ergotherapie von Physiotherapie unterscheidet und wo beide zusammenkommen, erklärt die Seite Ergotherapie oder Physiotherapie?
Und wenn dich der Rat „nimm es doch einfach an“ eher wütend macht als weiterbringt: Wir haben aufgeschrieben, was radikale Akzeptanz wirklich meint, wo sie hilft und wo sie fehl am Platz ist.
Stand dieser Seite: 25. Juli 2026. Die Studienlage zur Ergotherapie insgesamt steht mit Quellen im wissenschaftlichen Hintergrund. Wenn sich etwas ändert, ändern wir es hier.
Kurz gesagt
Ergotherapie bei Depression arbeitet daran, wieder zu tun, was Bedeutung hat: aufstehen, den Tag ordnen, einkaufen, unter Menschen gehen, arbeiten. Dieser Weg heißt in der Fachsprache Verhaltensaktivierung und gehört zu den empfohlenen Erstlinien-Behandlungen bei Depression. Grundlage ist die psychisch-funktionelle Behandlung auf ärztliche Verordnung; die Kosten übernimmt dann die Krankenkasse.