#mentalhealth : Generationsübergreifendes Trauma:

Nicht selten werden Erlebnisse von Eltern und Großeltern unbewusst an Kinder weitergegeben. Man spricht heute vom „Transgenerationalen Trauma“. Ganz ohne Esoterik. Wissenschaftlich erwiesen, in Tierversuchen (!).

Mein Opa war mit 17 Jahren überzeugtes Mitglied der Hitlerjugend. Als er in diesem Alter als Infanterist im Panzerzerstörungskommando in den belgischen Ardennen sah, wie die Alliierten Bomben auf die Köpfe seine Kameraden warfen, wurden ihm Hitlers Lügen schlagartig bewusst. „Die Enkel fragen wieder“ heißt es (Literaturempfehlung). Er erzählte mir viel. Ich lernte ihn als großartigen Mann kennen, der mich immer großzügig, geradezu überschwänglich förderte. Dagegen wissen mein Onkel und Vater viel mehr von seiner schroffen, manchmal ungerechten und vor allem verschlossenen Seite. Er war traumatisiert und niemals der ideale Mensch, zu dem meine kindliche Fantasie ihn machte.
Als er 2006 verstarb, befand ich mich mitten in einer adoleszenten Krise, wobei ich keine Ahnung hatte, warum. Ich schob die Schuld auf meine Mutter und meinen Vater. Noch heute erleben wir einander manchmal als sehr un-empathisch. Irgendetwas scheint dann unüberwindbar zwischen uns zu stehen. Obwohl jeder seinerseits bemüht ist, Liebe zu zeigen, kommt sie nicht an. Liebe zeigen, auf die Art, die uns möglich war zu lernen, dank der Art, auf die die jeweils eigenen Eltern ihrerseits fähig waren, Liebe zu zeigen. Komplizierter Satz, aber ich denke, Ihr wisst, was ich meine…

Generationsübergreifende Traumata bleiben meist unbewusst. Die Auflösung bleibt dann aus.

Wie leicht zu erkennen ist (oder vielleicht doch nicht ganz so leicht?), ist die Macht des sogenannten Unbewussten groß. Man spricht auch vom Vor- oder Unterbewussten. Um nicht unter solchen Kämpfen in einem krankmachendem Ausmaß zu leiden, braucht es entweder irgendeine Art der Abwehr, Verdrängung oder andere Mechanismen. Oder aber eben: Das Erinnern, Aufarbeiten und endlich: Auflösung der Traumata. Selbst, wenn es nichtmal die eigenen waren.

„Hast Du schon mal jemanden erschossen, Opa?“ Bei Konfliktsituationen in der Familie geht es oft um Dinge, die lange zurückliegen (Transgenerationales Trauma)

Kämpfe, die in Familien geführt werden, sind aus Sicht der Familientherapie (systemische Betrachtung) Lösungsversuche für innere Spannungszustände. Generationsübergreifende Traumata führen manchmal zu neurotischen Störungen, zu Depressionen und Angststörungen. „Ich musste mich doch wehren“ bekam ich als circa zehnjähriger Enkel zur Antwort,

Warum machen so wenige Menschen Psychotherapie, trotz augenscheinlich doch vorhandenen Leidensdruckes? Gibt es keine Therapieplätze? Wirkt sie nicht? Ist der nicht hoch genug, um sich auf diese Art um Gesundheit zu bemühen? Mein damals halbstarker Künstlername (als DJ und Rap-Produzent), den ich mir 2006 aussuchte, war „sticmatic“. Mein Lieblings-Hashtag? #endthestigma!

Ergotherapie ist eine Möglichkeit, die psychische Widerstandsfähigkeit zu trainieren (Resilienz). Durch die Arbeiten bzw. Beschäftigung steigern die Patienter selber ihr Selbstbewusstsein und allgemeine Zufriedenheit. Diese Stärkung ist so genanntes Empowerment (die deutsche Übersetzung hier wäre „Ermächtigung“ und ist aus offensichtlichen Gründen in diesem Blockbeitrag unangemessen). Ergotherapeut*Innen arbeiten stabilisierend, während Psychotherapeut*Innen neben ihren auch Sicherheit und Zugehörigkeit vermittelnden Gesprächen auch aufdeckende Methoden anwenden. Das tun wir bei der Ergotherapie selten, aber auch hier und dort… wobei wir immer unsere Kompetenzgrenzen wahren wollen. Wie auch immer, ich schweife ab.

Oft wartet man lange auf Therapieplätze. Generationsübergreifende Traumata werden dann leider oft nicht bearbeitet.

„Meine Kinder sollen es mal besser haben als ich!“ …Aber ganz Deutschland leidet generationsübergreifen noch unter dem zweiten Weltkrieg.

In meiner Praxis, aber auch meiner eigenen Therapie, bemühe ich mich heute um ganzheitliche, systemische Ansätze. Was nützt es, ein bisschen was zu verstehen, wenn ich morgen wieder unbewusst von etwas getriggert werde und mich verdutzt fragen muss, warum der Kriegsfilm in mir Dinge auslöst? Oder ich Alpträume von Waffengefechten habe, obwohl ich eben solche Filme schon lange nicht mehr schaue? Therapie darf sein. Macht sogar Spaß. Immerhin sind meine Erinnerungen an meinen Opa oft gute.
Auch gar nicht selten ist Abgrenzung zur eigenen Familie nötig gewesen. Es ist in Ordnung, für die Geschichte der anderen „nicht zur Verfügung zu stehen“. Manchmal können meine Klient*Innen während der Behandlung die eigene persönliche Geschichte ein wenig mehr integrieren. Durch Selbsterfahrung, Fortbildung und Interesse an Geschichte glaube ich, beim Umgang mit transgenerationalem Trauma helfen zu können.

Die letzten Zeitzeug*Innen des Holocaust, der grausamen deutschen Geschichte, sind in unmittelbarer Zukunft verstorben. Was bleibt, sind Dokumente, Erzählungen und Menschen, die sich entweder entscheiden, zu verdrängen oder aufzuarbeiten. Beides hat seine Berechtigung. Ich möchte zu letzterem ermutigen und arbeite mit niedergelassenen Psychotherapeut*Innen zusammen. Wir können bei der Vermittlung zu Familienberatung und Therapie behilflich sein.

#mentalhealth

– good luck!

D.

Hintergrund: Transgenerationales Trauma